Influencer:innen sind aus dem heutigen Internet kaum wegzudenken. In sozialen Medien wie Youtube, Twitch oder Instagram haben manche von ihnen ein Millionenpublikum aufgebaut. Ob Zusammenfassungen von TV-Serien, Schminktipps oder politische Kommentare: Der Medienwandel hat eine neue Kategorie von Stars erschaffen, die vielen vertrauenswürdig erscheinen. Sogenannte parasoziale Beziehungen verstärken bei den Nutzer:innen das Gefühl, Teil einer Community zu sein. Die tatsächliche oder vermeintliche Nähe vermittelt Authentizität und Ehrlichkeit, die in traditionellen Medien zu fehlen scheint.
Vor allem bei weitreichenstarken Influencer:innen stecken nicht selten finanzielle Motive dahinter. Denn ohne eine gewisse Professionalisierung lassen sich solche Kanäle kaum dauerhaft bespielen. Problematisch wird das allerdings, wenn die digitalen Einflüsterer mit Schleichwerbung ihr Geld verdienen: Das untergräbt aus guten Gründen in die Welt gesetzte Regeln für Verbraucherschutz und kann echten Schaden verursachen. Seit einigen Jahren müssen deshalb Postings unter bestimmten Umständen als Werbung gekennzeichnet werden.
Verdeckter Einfluss
Eine Kategorie von Influencer:innen blieb bislang jedoch weitgehend unbehelligt, warnt ein neues Papier der Nichtregierungsorganisation Civil Liberties Union for Europe (Liberties). Politische Kommentator:innen in sozialen Medien gewinnen zunehmenden Einfluss, seit sich die Lebensrealität der Menschen und damit auch politische Kampagnen immer mehr ins Netz verlagern. Was auf der einen Seite marginalisierten Menschen zuweilen erstmals ein großes Megaphon in die Hand gibt, kann andererseits ein Einfallstor für verdeckt bezahlte Propaganda und Manipulation der öffentlichen Meinung sein.
Zuletzt hat sich das etwa im rumänischen Präsidentschaftswahlkampf gezeigt. Dort wurde im vergangenen Winter die Stichwahl abgesagt, nachdem der Gewinner des ersten Wahlgangs, der rechtsnationalistische Călin Georgescu, zu weiten Teilen geheim von Russland finanziert worden sein soll. Scheinbar aus dem Nichts hatte sich der zuvor weitgehend unbekannte Georgescu an die Spitze gesetzt: ohne herkömmliche Wahlkampagne, ohne offizielles Budget, ohne Partei im Rücken.
Entscheidend für seinen überraschenden Erfolg dürfte der Empfehlungsalgorithmus des Videodienstes Tiktok gewesen sein, der sich offenkundig leicht bespielen oder manipulieren lässt. Über 100 verdeckt bezahlte Influencer:innen warben dort direkt oder indirekt für den pro-russischen Georgescu und machten ihn teils unwissentlich mit Hilfe von Bots zum viralen Hit – eingewoben zwischen Tanzvideos und der letzten Mutproben-Challenge. Ein Einzelfall ist das nicht: Derzeit wird etwa Bulgarien, das Ende des Jahres der Eurozone beitreten will, offiziell und inoffiziell von einer eng mit Russland verknüpften Anti-EU-Propagandawelle überrollt. Solche Kampagnen funktionieren umso besser, je stärker sie auf bereits bestehende Narrative oder gesetzliche Defizite aufsetzen.
Defizite bei der Umsetzung
Zwar gibt es seit dem Vorjahr eine EU-Verordnung, die für mehr Transparenz bei politischer Werbung sorgen soll. Zudem enthält der Digital Services Act (DSA) eine Reihe an Vorgaben, die systemische Risiken von Online-Diensten abmildern sollen. Doch obwohl die EU-Kommission entsprechende Leitlinien vorgestellt hatte, kritisiert Liberties, hätten große Online-Dienste wie Meta, TikTok, YouTube und X bis heute dabei versagt, sinnvolle Transparenzvorgaben für politische Influencer:innen umzusetzen. Manche der Anbieter hätten zwar politische Werbung auf ihren Diensten verboten, stellten aber keine Werkzeuge bereit, um verstecktes Sponsoring aufzudecken. Dadurch würden politische Botschaften immer weiter in den Untergrund geraten und sich der öffentlichen Kontrolle entziehen, beklagt Liberties.
Die NGO schlägt konkrete Maßnahmen vor, die solche Manipulationsversuche beschränken sollen – und die zu einem guten Teil bereits gesetzlich verankert sind. So müssten die Online-Dienste unter anderem ihre Werbearchive endlich sinnvoll nutzbar machen, ihren Kennzeichnungspflichten bei bezahlten Inhalten nachkommen und mittels automatisierten Werkzeugen die Monetarisierung politischer Inhalte besser aufdecken. Zudem müsste es in Wahlperioden mehr menschliche Aufsicht geben, die etwa verdeckte und koordinierte Kampagnen aufspüren sollte. Auch sollte die Kommission ihre Leitlinien aus dem Vorjahr aktualisieren sowie ihrer Führungsrolle nachkommen, um „die Integrität der Wahlen zu schützen und sicherzustellen, dass verdeckte politische Einflussnahme im gesamten Plattform-Ökosystem systematisch bekämpft wird“.

Schreibe eine Ergänzung!